Was kann die GBU-57 (Einsatz 2026) im Vergleich zur Grand Slam (Einsatz 1945)?

Bunkerbrechende Bomben und Raketen besitzen sechs Kriterien die ihre Wirkung bestimmen: Gewicht beim Einschlag des Projektils, Gewicht der verwendeten Sprengstoffe, Typen der verwendeten Sprengstoffe, Sprengwirkung, Beschaffenheit des Ziels sowie Einschlagsgeschwindigkeit des Projektils. Diese Kriterien und ihre Wirkungen werden für die GBU-57 (Einsatz 2026) und die Grand Slam (Einsatz 1945) anhand frei zugänglicher Informationen verglichen.[1][2]

Bei der Grand Slam handelt es sich um die größte Freifallbombe des Zweiten Weltkriegs die gegen verschiedene Arten von Zielen eingesetzt wurde. Zum einem gegen nicht geschützte Ziele die durch direkte Treffer oder seismische Erschütterungen als Folge des Projektileinschlags im Umfeld des Ziels zum Einsturz gebracht wurden (Schildescher Viadukt / Bielefeld) und zum anderen gegen freistehende, stark befestigte Bunkeranlagen (U-Boot-Bunker Valentin / Bremen).[3][4]
Die Grand Slam besaß ein Gesamtgewicht von mGS = 10161 kg, wovon 4144 kg Torpex D1 als Sprengstoff verbaut war und eine Einschlagsgeschwindigkeit von rund vGS = 330 m/s (Unterschall). Der Bombenkörper bestand aus einer gehärteten Chrom-Molybdän-Stahllegierung. Damit beträgt die kinetischen Energie EkinGS einer Grand Slam beim Einschlag auf das Ziel 553 Megajoule (EkinGS = 1/2 * mGS * vGS * vGS = 1/2 * 10161 kg * 330 m/s * 330 m/s = 553 MJ).
Der verwendete Sprengstoff Torpex D1 besitzt eine um 50% höhere Sprengkraft (Faktor ftorTNT = 3/2) als TNT bei gleichem Gewicht. TNT setzt EdetTNT= 4,2 MJ an mechanischer Energie pro Kilogramm bei einer Detonation frei. Damit erzeugt eine Grand Slam bei der Detonation eine mechanische Energie von EdetGS = ftorTNT* EdetTNT / kg * mGS = 3/2 * 4,2 MJ / kg * 4144 kg = 26107 MJ.[2][5]

Die GBU-57 MOP ist eine bunkerbrechende Bombe mit einem Gesamtgewicht von mGBU = 12304 kg die eine Kombination der Sprengstoffe AFX-757 mit einem Gewicht von mAFX = 2085 kg und PBXW-114 mit einem Gewicht von mPBXN = 341 kg verwendet und eine Einschlagsgeschwindigkeit von 440 m/s (Überschall) besitzt.  Die GBU-57 besitzt Stummelflügel zur Stabilisierung und Kurskorrektur sowie 4 Bremsklappen die beim Zielanflug den Bombenkörper so aerodynamisch abbremsen das dieser sich senkrecht durch den Bremsdruck der Atmosphäre und die Schwerkraft zum Einschlagpunkt selbstständig ausrichtet. Beim Einschlag werden die Bremsklappen schlagartig eingefahren so das diese das Eindringen nicht abbremsen. [6]
Damit ergibt sich für die GBU-57 eine kinetischen Einschlagsenergie EkinGBU von 1191 Megajoule (EkinGBU = 1/2 * mGBU * vGBU * vGBU = 1/2 * 12304 kg * 440 m/s * 440 m/s =  1191 MJ).
AFX-757 besitzt eine um 1,78 höhere mechanische Energie als TNT mit EdetAFX = 7,50 MJ/kg. PBXN-114 besitzt über die Beziehung von 78% HWX als effizientere Variante des RDX eine Verwandtschaft zu Torpex D1 der 42% RDX aufweist. PBXN-114 selber hat eine um den Faktor 1,1 bis 1,3 höhere mechanische Energie als TNT und somit kann EdetPBXN = 5,46 MJ/kg als Maximalwert angenommen werden. 
Die verwendeten Sprengstoffe setzen wiederum bei der Detonation kombiniert maximal EdetGBU = EdetAFX / kg * mAFX + EdetPBXN / kg * mPBXN = 7,50 MJ / kg * 2085 kg + 5,46 MJ / kg * 341 kg = 15638 MJ + 1862 MJ = 17500 MJ an mechanischer Energie frei. [7][8]

Vergleicht man diese Daten beider Bomben so weist die GBU-57 eine 215% (EkinGBU/EkinGS * 100% = 1191 MJ / 553 MJ * 100% = 215 %) höhere kinetische Energie auf als die Grand Slam – jedoch beträgt die Detonationsenergie der GBU nur  67% der Grand Slam (EdetGBU / EdetGS * 100% = 17500 MJ / 26107 MJ * 100% = 67%).

Um nun eine Abschätzung der Wirkung von Treffern solcher Waffen durchzuführen reicht ein Blick in die Vergangenheit. 1945 wurde der deutsche U-Boot-Bunker Valentin in Bremen durch zwei Grand Slam Bomben getroffen. Beide Grand Slam Bomben blieben in der stark armierten Bunkerdecke von 4,5 Meter Dicke nach 2 Meter stecken, detonierten dort und rissen Löcher von 8 Meter Durchmesser.[4]
Legt man die kinetische Energie als Maß zur Abschätzung der Eindringtiefe zu Grunde ohne Berücksichtigung spezieller Penetratoren und multipliziert den Faktor von 2,15 (215%) der kinetischen Energie der GBU-57 gegenüber der Grand Slam mit der Eindringtiefe der Grand Slam von 2 Metern ergibt sich für die GBU-57 eine Eindringtiefe von rund 4,3 Metern für freistehende, stark armierte Stahlbeton-Bunkerbauten. Die Sprengwirkung der GBU-57 sollte deutlich geringer sein als die der Grand Slam was zu weniger großen Durchbrüchen in Bunkerdecken führen dürfte als bei Treffern durch eine Grand Slam. Beides jedoch führt in abgeschlossenen, stark befestigten Bauten ohne gepanzerte Schotten oder Einmal-Druckentlastungen zu erheblichen Schäden. 

Da der freistehende Bunker Valentin nur über stark armierte Stahlbeton-Decken verfügte und nicht unter einem Deckgebirge aus gewachsenem Fels aus mittelharten bis harten Gestein eingebaut oder durch Aufschüttungen gleichen Materials auf die Bunkerdecke verdeckt wurde, müssen Meldungen von erfolgreichen Treffern von GBU-57-Bomben wie im Jahr 2026 in solchen Umgebungen einer kritischen Betrachtung unterzogen werden wenn solche baulichen und geologischen Gegebenheiten wie oben beschrieben zum Tragen kommen und dadurch Zweifel über Schadenhorizonte mehr als gegeben angesehen werden dürfen. Da der Bunker Valentin wie alle U-Boot-Bunker dieser Zeit den primären Schutz gegen schwere Bomben gewährleisten sollte, können keine Aussagen gegenüber komplett verbunkerten Anlagen ohne große Öffnungen wie Ausfahrten für U-Boote als Vergleich getroffen werden da die Explosionsenergie der Grand Slam 1945 fast ungehindert in die Umgebung nach Durchschlag abgegeben wurde.

Ein Schutz empfindlicher elektrischer, elektronischer und mechanischer Geräte gegen Erschütterungen durch seismische Ereignisse hervorgerufen durch Nuklearwaffen bot der Komplex 5000 (Objekt 17/5001) in Prenden/Brandenburg in einer Landschaft deren Geologie durch Sand und Endmoränen dominiert wird welcher über Stickstofflager für die Tragwerke relisiert wurde – sein Pendant im Ahrtal war in ein 110 Meter hohes Deckgebirge vorgetrieben worden und benötigte größtenteils keinen expliziten Schutz gegen Erschütterungen und war aufgrund der Geologie des Standorts und der Dicke des Deckgebirges sehr gut und kostengünstiger gesichert als Bunker die in ungünstigen Umgebungen mit hohem Kostenaufwand baulich die gleiche Schutzwirkung aufweisen sollen. [9][10]

Frank Scherie

[1] https://en.wikipedia.org/wiki/GBU-57A/B_MOP
[2] https://en.wikipedia.org/wiki/Grand_Slam_(bomb)
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Schildescher_Viadukt
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/U-Boot-Bunker_Valentin
[5] https://en.wikipedia.org/wiki/Torpex
[6] https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/43/GBU-57_Massive_Ordinance_Penetrator_Test_DOD_111098941_250626-F-HK977-9675_968143.webm
[7] https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1742-6596/2891/6/062006/pdf
[8] https://quicksearch.dla.mil/qsDocDetails.aspx?ident_number=275825
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Bunker_Komplex_5000
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Regierungsbunker_(Deutschland)